Nicht erziehen

Ich habe vor kurzem einen Bericht über eine Mutter gesehen, die ihre Kinder nicht erziehen möchte.

Als ich ein wenig recherchiert habe, bin ich auf einen sehr aktuellen Artikel zum Thema gestossen. Dieser Artikel macht es notwendig, dass ich selbst einen Artikel zum nicht erziehen schreibe. Im verlinkten Artikel werden 4 Personen, 2 Bloggerinnen, 1 Neurobiologe und 1 Bindungsforscher, zitiert. Ich werde auf die meisten Zitate und Schlussfolgerungen im Artikel eingehen. Zum Ende werde ich die Frage diskutieren, ob nicht erziehen überhaupt möglich ist.

Nicht erziehen im Trend?

Dort heisst es zu Anfang:

“Unerzogen” ist eine Bewegung, die immer mehr Anhänger findet. Eine wachsende Zahl an Eltern will ihre Kinder nicht länger erziehen. Und immer mehr Experten geben ihnen Recht. Aber brauchen Kinder nicht Regeln? FOCUS-Online-Autorin Gina Louisa Metzler ist dem nachgegangen.

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Nun wird also der Trend, Kinder als Erwachsene zu begreifen, abgelöst von der Annahme, Kinder nicht zu erziehen, ist eine gute Idee?

Und es scheint Experten zu geben, die die Idee auch befürworten.

Es gibt mit dem Artikel Eltern, die Erziehung ablehnen, weil sie das als gewaltvoll empfinden.

Erziehen bedeutet Gewaltverhalten

Dazu ist folgendes zu sagen.

Wenn Du Deinem Sohn oder Deiner Tochter mit Schlägen drohst, dann verhaltst Du Dich gewalttätig; und du verursachst damit Häusliche Gewalt. Wenn Du Dein Kind tatsächlich schlägst, erzeugst Du selbstverständlich Häusliche Gewalt.

Und damit unternimmst Du keine erzieherische Handlung. Nein! Du verhälst Dich damit gewalttätig.

Wenn Du Deinen Sohn aufforderst, Hausaufgaben zu machen, ist das keine Gewalt, auch kein Gewaltverhalten; absolut nichts dergleichen. Dabei ist es auch egal, aus welcher Motivation heraus Du Deine Aufforderung aussprichst.

Ob Du mit dieser Aufforderung eine erzieherische Handlung vornimmst, ist eine ganz andere Frage, der ich mich in einem weiteren Artikel zuwenden möchte.

Nicht erziehen – Eine Bloggerin äußert sich

Erziehung bedeutet jemandem vorzuschreiben, wie er zu sein hat

„Der Gedanke, dass ein Mensch einem anderen Menschen vorschreiben darf, wie er zu sein hat, nur weil zwischen diesen beiden Menschen ein Altersunterschied besteht, ist in unserer Gesellschaft so tief verankert, dass uns die tiefe Ungerechtigkeit darin oft gar nicht mehr auffällt.“

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Mit diesen Worten wird im Artikel eine Bloggerin aus einem Interview zitiert. Ich kann nicht sagen, ob das Zitat echt ist. Wenn dem so ist, dann handelt es sich hier um eine These, die nicht bewiesen ist und sehr verallgemeinernd ist.

Davon unabhängig ist es theatralisch und auch ein wenig populistisch, mit Erziehung gleichzusetzen, jemandem vorschreiben zu wollen, wie er zu sein hat. Deutlich wird, dass der Begriff Erziehung heftig in der Krise steckt. Oder anders formuliert gibt es bzgl. Erziehung eine Menge Meinungen und fachliches Wissen wird in den Hintergrund gedrängt.

Gemeinheit, Diskriminierung und Machtmissbrauch

Im Artikel wird auch folgendes behauptet:

Rodriguez bezeichnete Erziehung in dem Interview als „gemein“, „diskriminierend“ und als „Machtmissbrauch“ gegenüber Kindern.

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Auch hier kann ich nicht sagen, ob dieses Zitat eine gemachte Aussage widergibt. Eines muss ich sagen. Erzieherisches Verhalten ist nicht per se gemein, diskriminierend und beinhaltet auch nicht allgemein einen Machtmissbrauch.

Dazu bedarf es konkreter Handlungen, die nichts mit Erziehung gemein haben.

Erziehung bedeuet, Kinder zu Objekten zu machen

Natürlich ist für Kinder wichtig, dass wir uns um sie kümmern und sie ins Leben begleiten“, sagte Rodriguez. „Doch solange wir sie dabei erziehen, machen wir sie zu Objekten, die wir in unserem Sinne formen.

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Ich gehe mal davon aus, dass die Bloggerin korrekt zitiert wurde. Bei der Aussage handelt es sich um eine Behauptung, die bestenfalls ein persönliches Empfinden widergibt.

Erziehung mit Ausrichtung auf das Kind

Denn tatsächlich sind in der Erziehung bewußte Handlungen auf das Kind und dessen Entwicklung ausgerichtet. Das bedeutet, dass das Ziel der erzieherischen Handlungen das jeweilige Kind ist. In erzieherischem Handeln steckt aber nicht per se, ein Kind zum Objekt zu machen. Das ist gelinde gesagt völliger Quatsch.

Bei Wikipedia wird auf wichtige Teile von Erziehung hingewiesen:

Der Ausdruck „Erziehung“ bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch sowohl die Gesamtheit allen erzieherischen Handelns, das die Personalisation, Sozialisation und Enkulturation eines Menschen steuert, als auch einzelne Teile dieses Gesamtprozesses, wie z. B. die Sexualerziehung, Gesundheitserziehung oder Verkehrserziehung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Erziehung
Nicht erziehen bedeutet die Verweigerung von Verkehrserziehung, Gesundheitserziehung und Sexualerziehung

Kindern also nicht beizubringen, wie sie sich an einer Straße verhalten sollten, links schauen, rechts schauen und so weiter, würde nicht erziehen bedeuten.

Es wird somit vielmehr deutlich, welch große Aufgabe die Erziehung von Kindern darstellt.

Mein Eindruck ist, wie gesagt handelt es sich um meinen persönlichen Eindruck, dass Eltern zunehmend vor dieser Verantwortung zurückschrecken.

Die Ursachen hierfür sollte ich vielleicht in einem weiteren Artikel beleuchten; mal sehen.

Nicht erziehen – Ein Neurobiologe wird zitiert

Da der verlinkte Artikel bei Huffington Post nicht mehr erreichbar ist, sind die Zitate des Neurobiologen heute selbstverständlich mit Vorsicht zu genießen.

Ein Neurobiologe wird mehrfach zitiert:

„Wenn ein Kind zum Objekt elterlicher Erwartungen, Wünsche, Ziele, Vorstellungen oder Maßnahmen gemacht wird, dann zerreißt das Band des Vertrauens und der Verbundenheit zu den Eltern.“

https://www.huffingtonpost.de/entry/ein-hirnforscher-erklart-das-ist-das-geheimnis-einer-glucklichen-kindheit_de_5a708b13e4b05836a256c479

Wie bereits gesagt, ist erzieherisches Handeln selbstverständlich auf das jeweilige Kind gerichtet. Dass Vertrauen und Verbundenheit verloren gehen, wenn Du als Elternteil von Deinem Kind erwartest, auf Dich Rücksicht zu nehmen, ist ebenfalls völliger Unsinn. Deine Wünsche als Elternteil sind also nicht automatisch problematisch bzgl. Vertrauen und Verbundenheit. Erwartungen, Wünsche, Ziele, Vorstellungen Deinerseits als Mutter oder Vater sind nicht verboten. Entscheidend ist, dass Du als Elternteil diese nicht rücksichtslos durchsetzt.

Weiterhin würden Eltern die Würde ihrer Kinder verletzen, wenn sie versuchen, sie nach ihren Vorstellungen zu formen.

Praktisches Beispiel:

Du bittest Deinen Sohn, Dir beim Tisch decken zu helfen, mit den Worten:

Bitte, hilf mir, den Tisch zu decken!

Hierbei handelt es sich um eine Bitte in Form einer freundlichen Aufforderung. Es ist bzgl. Würde des Menschen oder Deines Sohnes nichts passiert. Steckt hier schon Deine Absicht drin, Deinen Sohn zu formen oder nur Dein Wunsch, von ihm Unterstützung zu bekommen? Ist das überhaupt trennbar?

Ferner könnten Kinder den Eindruck gewinnen, nur bei Anpassung geliebt zu werden. Dies würde für Kinder großen Schmerz bedeuten, so heißt es im Artikel.

Zurück zum Beispiel:

Dein Sohn hat nach Deiner freundlichen Aufforderung grundsätzlich viele Handlungsoptionen. Er könnte

  • sagen, „OK!“, und Dir helfen
  • sagen, dass er keine Lust hat
  • maulen „nicht schon wieder!“

Entweder Dein Sohn folgt Deiner Aufforderung oder nicht. Falls er seine Unterstützung verweigert, hast wiederum Du mehrere Optionen, damit umzugehen. Solange Du nicht mit unlauteren Mitteln versucht, Deinen Wunsch durchzusetzen, ist dieser Verlauf für Deinen Sohn unschädlich. Dabei entstehen auch keine Schmerzen.

„Die meisten Kinder reagieren auf diesen Schmerz, indem sie sich anstrengen, das zu machen und so zu werden, wie ihre Eltern das wollen“, sagte Hüther.

https://www.huffingtonpost.de/entry/ein-hirnforscher-erklart-das-ist-das-geheimnis-einer-glucklichen-kindheit_de_5a708b13e4b05836a256c479

Da nicht generell Schmerzen, ich finde diese Wortwahl im übrigen höchst seltsam, ‚entstehen‘, ist diese Behauptung fragwürdig und unerlaubt pauschalisierend.

„Wenn die Kinder sich derart verbiegen, ist der Schmerz zwar vorbei, aber sie führen im Grunde nie ein glückliches Leben, weil sie nie loslassen können. Sie sind immer unter Anspannung und müssen sich immer zu anstrengen“, sagte der Hirnforscher.

https://www.huffingtonpost.de/entry/ein-hirnforscher-erklart-das-ist-das-geheimnis-einer-glucklichen-kindheit_de_5a708b13e4b05836a256c479

Noch einmal zum Beispiel:

Nehmen wir an, Dein Sohn, verweigert Dir seine Unterstützung. Wenn Dir seine Unterstützung wichtig ist, weil Du selbst aus irgendeinem Grund nicht gut aufgestellt bist, dann könntest Du ihm dies mitteilen. Vielleicht lenkt Dein Sohn dann ein, vielleicht aber auch nicht.

Wenn er einlenkt, verbiegt er sich allerdings nicht, sondern prüft noch einmal, ob er sich unter den gegebenen Umständen doch dazu durchringen kann, Dich zu unterstützen. Du siehst, hier wird ein Szenario konstruiert, in dem Kinder generell verbogen werden, nur geliebt werden, wenn sie sich dauerhaft anpassen, dass machen, was ihre Eltern wollen. Keine Frage, dass es Eltern gibt, die sich so verhalten. Doch dann erziehen sie nicht, sondern drangsalieren und manipulieren ihre Kinder.

Es lebe die Interpretation – Erziehung = Gewalt

Was die Autorin des Artikels aus diesen Aussagen des Neurobiologen konstruiert, ist dann höchst bedenklich. Denn sie versteht nun: „Erziehung kann tatsächlich als eine Form von Gewalt betrachtet werden. Sogar dann, wenn sie gut gemeint ist.“ Es gibt einen erschreckenden Trend, diverse Handlungen mit Gewalt gleichzusetzen.

Diese Gleichsetzung wird in diesem Artikel ganz offensichtlich mit Allgemeinplätzen hergeleitet, um Eltern eine Legitimation zum nicht erziehen zu erteilen.

Nicht erziehen – Eine 2. Bloggerin äußert sich

Erziehung ist nicht so nett gemeint, wie sie klingt“, sagte mir Ruth Abraham am Telefon. Abraham ist Soziologin, Mutter von drei unerzogenen Kindern und Gründerin des Blogs Derkompass.org.

Die Grundunterstellung von erzieherischem Denken ist, dass ich jemanden ändern muss, weil es so, wie er ist, nicht richtig ist. Und das ist die Definition von Gewalt. Aber das ist den meisten Eltern überhaupt nicht bewusst.

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Auch diese Bloggerin setzt Erziehung per se mit Gewalt gleich. Dabei handelt es sich bei ihrer Aussage schlichtweg um eine Behauptung. Auch hier wird der Trend sichtbar, alles aber auch alles was wir handeln können, mit Gewaltverhalten gleich zu setzen.

Der auch hier vorkommende Versuch, Erziehung mit dem verändern wollen eines Kindes gleichzusetzen, ist unlauter. Denn hier handelt es sich erneut um eine verallgemeinernde Behauptung. Sehr fragwürdig ist, dass in allen Aussagen überhaupt nicht nach Alter differenziert wird.

Praktisches Beispiel (Variante 1):

Du sitzt mit Deinem Partner, Deiner Tochter(7) und Deinem Sohn(2) am Esstisch.

Deine Tochter ruft: „Apfelsaft! Ich will Apfelsaft!“ Du sagt zu ihr:“Alles klar; Du weisst ja, wo der Kühlschrank ist“. Mit 7 Jahren sollte Deine Tochter in der Lage sein, sich den Apfelsaft zu holen. Du rennst also nicht automatsich los und bringst ihr den Apfelsaft, sondern teilst ihr indirekt mit, dass sie den Apfelsaft ja selbst holen kann.

Verhälst Du Dich damit bereits gewalttätig, weil Du das Bedürfnis Deiner Tochter nicht selbst befriedigst? Geht es hier überhaupt darum, Deine Tochter zu ändern? Weder das eine noch das andere. Du möchtest, dass Deine Tochter ihr Bedürfniss selbst befriedigt, denn das kann sie mit 7 Jahren bereits leisten.

Praktisches Beispiel (Variante 2):

Du sitzt mit Deinem Partner, Deiner Tochter(7) und Deinem Sohn(2) am Esstisch.

Dein Sohn ruft: „Joghurt haben will!“ Du sagst:“Nein, das geht nicht, es ist kein Joghurt mehr da“ Dein Sohn ist deutlich jünger und um sein so wichtiges Befürfnis zu befriedigen, müßtest Du nun loslaufen und welchen einkaufen. Übst Du Gewalt aus, wenn Du das nun nicht machst? Darfst Du das bei einem 2-Jährigen? Lässt Du Deinen 2-jährigen Sohn damit so wie er ist oder formst Du ihn damit?

Nein! Du ermöglichst Deinem Sohn in dem Moment die Bedürfnisbefriedigung nicht. Da es sich bei einem Joghurt nicht um ein grundlegendes Nahrungsmittel handelt, geht das auch bei einem 2-jährigen in Ordnung. Ob Du Deinen Sohn damit formst, ist eine schwierige Frage. Der Begriff formen ist im Zusammenhang mit Erziehung auch etwas seltsam, denn Dein Sohn ist ja kein Klumpen Ton, aus dem Du einen Gegenstand formst.

Allgemeine Aussagen helfen nicht weiter

Diese beiden Beispiele verdeutlichen, wie heikel es ist, hinsichtlich Erziehung Verallgemeinerungen zu formulieren. Denn diese schaffen Raum für Fehlinterpretationen.

Die Bloggerin sagt laut Artikel, dass Eltern ihre Kinder erziehen, weil sie Angst haben.

Das kann sie gar nicht wissen, weil sie nicht die Befindlichkeiten sämtlicher Mütter und Väter kennen kann; wieder eine ziemlich dreiste Verallgemeinerung und vor allem Behauptung, die sie nicht belegen kann.

Die Angst vor den kleinen Tyrannen

Erziehung von Tyrannen

Auf den Hinweis der Autorin, Eltern hätten Angst, dass ihre Kinder zu kleinen Tyrannen werden, hat die Bloggerin angeblich geäußert:

Alle Tyrannen, die wir heute auf der Welt haben, wurden erzogen„, erwiderte Abraham. „Wenn man irgendeine Gemeinsamkeit finden kann bei Straftätern, oder bei Menschen, die sich psychopathisch verhalten, dann ist das nicht das Fehlen von Erziehung. Sondern es ist Gewalt.“

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Wieder wird versucht, uns unterzuschieben, dass Erziehung Gewalt ist. Bei mir wird die Frage drängender, woher diese Behauptungen ihren Nährboden haben. Die Autorin outet sich spätestens jetzt mit mangelner Hinterfragung dieser Aussagen.

Wissenschaftliche Erkenntniss und Wissenschaft

„Wenn ich wirklich Zweifel an der Fähigkeit meines Kindes habe, sich sozial zu verhalten, dann muss ich es erziehen. Allerdings widerspricht das allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die wir haben. Denn die Wissenschaft sagt, dass Menschen von Anfang an soziale Wesen sind und immer fähig zu verstehen, was die Regeln in ihrem Umfeld sind.“

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Hier wird von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Wissenschaft gesprochen. Damit soll die These unterfüttert werden, dass Kinder sich automatisch an Regeln anpassen und sich sozial verhalten. Woher sollen Kinder allerdings wissen, dass ein Restaurant für Erwachsene ein Ort zur Besinnung und zum entspannten Zusammensein ist bzw. war? Davon haben Kinder keine Ahnung und sie haben auch keine Ahnung davon, dass andere Kinder oder sogar erwachsene Bedürfnisse haben. Dies wäre ihnen zu vermitteln. Doch wäre das Vermitteln Erziehung?

Untermauert wird die eben zitierte Aussage mit einem Zitat von Jesper Juul:

So sieht es auch der bekannte Familientherapeut Jesper Juul. Von ihm stammt der Satz: „Kinder brauchen nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten.“

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Nein sagen – Anwesenheit reicht nicht

Hier zeigt sich die Gefahr, die mit dem Internet einhergeht. Wer Jesper Juul gelesen hat, kennt sein Buch Nein aus Liebe: Klare Eltern – Starke Kinder. Dass sich Eltern menschlich und sozial verhalten, sollte selbstverständlich sein. Hier findet sich auch ein weiteres Indiz dafür, wie Aussagen aus dem Kontext gezogen und für wilde Thesen genutzt werden.

Im weiteren Verlauf setzt die Autorin Erziehung mit Unterdrückung gleich, um die Richtigkeit des Ansatzes Nicht erziehen zu beweisen. Und sie weist darauf hin, dass Kinder auch Menschen sind. Dieser Hinweis im Zusammenhang von erziehen oder nicht erziehen ist, gelinde gesagt, überflüssig.

Nicht erziehen – Ein Bildungsforscher wird zitiert

Schlechter behandeln als den Partner?

Anschließend fragt die Autorin, warum ein Kind anders behandelt werden sollte als der eigene Partner und zitiert einen Bildungsforscher:

„Wenn Sie in Erwägung ziehen, Ihrem Kind gegenüber irgendeine ‘Methode’ anzuwenden, dann überlegen Sie zuerst, ob Sie etwas Entsprechendes mit Ihrem Partner tun würden. Lautet die Antwort ‘Nein’, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine schlechte Idee – es sei denn, Sie würden zu jenen Erwachsenen gehören, die immer noch nicht einsehen wollen, dass es sich bei Kindern um richtige Menschen handelt.“

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

Hier wird der Ansatz zur Hilfe geholt, dass Kinder Erwachsene sind und somit eine Gleichbehandlung notwendig ist. Das ist modern und führt zur Auflösung der Kindheit.

Unsere Vorstellungskraft

Die Aufforderung der Autorin, sich vorzustellen, dass der eigene Partner einem eine Zahnbürste in den Mund steckt, verfängt allerdings. Denn bei einem derartigen Durchsetzen des Zähneputzens bewegst Du Dich schnell über die Grenze und verhälst Dich ggf. körperlich übergriffig; also Vorsicht.

Das 2. Beispiel der Autorin spricht den Nachtisch an, der Kindern verweigert wird, wenn sie das Hauptgericht nicht essen (mögen). Dieses Beispiel ist wiederum mit Vorsicht zu genießen, da es durchaus Gründe geben kann, den Nachtisch zu verweigern; nämlich die Gesundheitsfürsorge oder Gesundheitserziehung.

In ihrem Schlusswort plädiert die Autorin dafür, Konflikte mit Kindern auf Augenhöhe auszutragen. Darin ist die versteckte Aufforderung zu finden, sich als Mutter oder Vater immer auf die Tochter oder den Sohn auszurichten. Dem werde ich mich höchstwahrscheinlich in einem weiteren Artikel zuwenden.

Dass es bei der Erziehung um das Gewinnen geht, behauptet die Autorin indirekt in ihrem letzten Satz. Auch dies ist in einem anderen Artikel meinerseits ggf. zu hinterfragen.

Nicht erziehen – geht das überhaupt?

Einigkeit besteht darin, dass Erziehung auf die Kinder gerichtet ist. Klar ist auch, dass Erziehung bewußtes Handeln vorraussetzt. Wenn die Protagonisten nicht erziehen, weil sie ihre Kinder gewaltlos behandeln wollen, sie als Menschen wertschätzen wollen und ihnen ihre Bedürfnisse nicht beschneiden möchten, handeln sie auf ihre Kinder ausgerichtet.

Das bedeutet, dass sie erziehen. Nein! Mit der Logik der Nichterzieher geht nicht erziehen nicht.

Fazit

Die Neigung in unserer Gesellschaft, jedwedes Handeln als Gewalt zu begreifen, hat jetzt auch die Erziehung erfasst. Die Folge ist, dass die Grenzen zwischen erlaubtem und unerlaubtem Verhalten in unserer Gesellschaft weiter verschwimmen.

Die Motivation, nicht zu erziehen, ist keinesfalls eine objektive Motivation. Sie ist genauso subjektiv getrieben wie die Motivation, zu erziehen. Eltern sind immer noch verunsichert, haben nicht Angst, aus ihren Kindern könnten Tyrannen werden, sondern sie könnten ihren Kindern nachhaltigen Schaden zufügen.

Wenn Eltern die Sicherheit fehlt, A, B, oder C zu handeln, handeln Eltern lieber gar nicht, erziehen nicht und erziehen damit doch. Es sei noch einmal deutlich gesagt, dass Erziehung eine bewußte Handlung vorraus setzt. Doch kein Mensch kann rund um die Uhr bewußt handeln. In der Definition von Erziehung steckt eine enorm hohe Anforderung, der keine Mutter und kein Vater entsprechen kann. Mütter und Väter brauchen auch Momente, in denen sie nicht erziehen.

Der Artikel der Autorin ist der Versuch, das generelle nicht erziehen zu legitimieren. Doch das nicht erziehen ist eine Mär.

Ob alles was Du in Richtung Deiner Tochter oder Deines Sohnes sagst oder handelst, Erziehung ist, bleibt zu beantworten. Mit diesem Aspekt werde ich mich in einem weiteren Artikel beschäftigen.

Über Michael Ueberschaer

Ich bin Michael Ueberschaer. Ich blogge zu den Kernthemen Beziehung und Kommunikation sowie den Unterthemen Bildung, Erziehung, Gesundheit und Häusliche Gewalt. Bis jetzt habe ich 70 Artikel veröffentlicht. Bezüglich der Kernthemen und Unterthemen findest Du Links zu den Leitartikeln in den beiden oberen Memüs.  

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