Psychische Gewalt – Häusliche Gewalt?

Psychische Gewalt ist Häusliche Gewalt. Das ist doch wohl eindeutig richtig. Da gibt es definitiv nichts zu diskutieren. Zu dieser Annahme musst Du kommen, wenn Du zum Thema Häusliche Gewalt im Internet recherchierst.

Ich selbst bin nicht nur verwundert, sondern ich merke oft wie mir der Kamm anzuschwellen droht, wenn ich Internetseiten, die meinen, sie müßten etwas zum Thema Häusliche Gewalt sagen, lese.

Es gibt viele Seiten im Netz, die sich mit dem Thema Häusliche Gewalt beschäftigen und mit häuslicher Gewalt psychische Gewalt gleichsetzen.

Psychische Gewalt ist Häusliche Gewalt – Belege

  1. https://www.gewaltinfo.at/fachwissen/formen/psychisch/
  2. https://www.re-empowerment.de/gewalt/formen/non-physische-gewalt/psychische-gewalt/
  3. https://www.polizei-beratung.de/opferinformationen/haeusliche-gewalt/
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4usliche_Gewalt
  5. https://gewaltlos.de/haeusliche-gewalt/
  6. https://www.odabs.org/informationen/moegliche-arten-von-gewalt.html
  7. https://www.juraforum.de/lexikon/psychische-gewalt
  8. https://www.t-online.de/leben/liebe/id_82536478/psychische-gewalt-wenn-der-partner-mit-worten-schlaegt.html

Ich könnte diese Liste endlos fortführen und hunderte von Belegen dafür finden, dass psychische Gewalt eine Form der häuslichen Gewalt sein muss.

Ich könnte meinen Artikel entsprechend mit diesem Satz beenden.

Doch genau das werde ich nicht tun. Denn die Idee, dass es psychische Gewalt gibt, verhindert eine verändernde Auseinandersetzung mit Häuslicher Gewalt. Genauer gesagt liefert es Tätern eine Rechtfertigung für ihr Gewaltverhalten.

Alles in einem Topf – Beleidigung, Bedrohung, Isolierung, Mobbing, Schlagen, Einschüchterung, Freiheitsberaubung

Alles wird in einen Topf geworfen. Es wird nicht differenziert. So werden auch Menschen Opfer von Häuslicher Gewalt, die beleidigt werden.

Beispiel:

Ein Ehemann beleidigt seine Ehefrau mit den Worten: „Du bist eine Schlampe“. Die Ehefrau reagiert, indem sie ihrem Ehemann mit der flachen Hand ins Gesicht schlägt. Dabei handelt es sich um eine Ohrfeige.

Folgen wir der weit verbreiteten Auffassung, dass eine Beleidigung Häusliche Gewalt ist, kann die Ehefrau mit gesellschaftlicher Rückendeckung sagen, sie habe sich nur verteidigt. Zeigt der Ehemann seine Ehefrau an, wäre es folgerichtig, dass sie straffrei ausgeht, denn sie hat in Notwehr gehandelt.

Beispiel:

Eine Frau sagt zu Ihrem Partner: „Schau Dich doch mal an! Sieht so ein richtiger Mann aus? Der Mann packt seine Partnerin fest an den Armen und schreit „Wenn Du mich nicht in Ruhe läßt, haue ich Dir eine rein!“

Da die Frau ihren Mann kränkt, kann dieser in Notwehr eine Drohung von Gewaltverhalten aussprechen. Er braucht sich über sein Gewaltverhalten keine Gedanken machen und dürfte bei einer Anzeige ebenfalls straffrei bleiben.

Beispiel:

Eine Partnerin möchte wieder arbeiten gehen und teilt dies ihrem Partner mit. Dieser reagiert gar nicht begeistert und sagt: „Das verbiete ich Dir. Unsere Absprache war eine ganz andere.“

Die Partnerin ist empört und boxt ihren Partner mit der Faust gegen den Arm. Auch sie kann dies ohne nennenswerte Schwierigkeiten so machen, denn auch sie handelt in Notwehr.

Doch schauen wir einmal genauer hin, was allgemein behauptet oder geschrieben wird.

Psychische Gewalt bei Wikipedia

Zu passiven Formen zählen beispielsweise Schweigen oder soziale Isolation eines Menschen. Zu aktiven Formen zählen beispielsweise Abwertungen, emotionale Manipulation, Einschüchterung, Verbote, Kontrolle und Bespitzelung von Sozialkontakten, Drohungen, Nötigung, Nachstellen (Stalking), Freiheitsberaubung, Beschimpfung, Bevormundung oder Demütigung.

https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4usliche_Gewalt#Psychische_Gewalt

Zu dem Eintrag auf Wikipedia muss ich grundsätzlich etwas sagen, und das gilt sicher für viele Einträge auf Wikipedia. Es waren diverse Personen an diesem Eintrag beschäftigt, wobei weder die fachliche Eignung noch Motivation der Schreiber zu ermitteln ist. Das Zitat aus Wikipedia zeigt, dass die Schreiber nicht automatisch qualifiziert sind, sich zu solch einem Thema informierend zu betätigen.

Sämtliche folgenden Überschriften, die verlinkt sind, stellen eine Straftat nach dem Strafgesetzbuch dar. Die anderen Handlungen sind nicht per se strafbar.

Schweigen

Auf Wikipedia wird also recht prominent behauptet, dass Schweigen Psychische Gewalt ist; und weiter gesponnen also Häusliche Gewalt. Das bedeutet, dass jeder, der eine Frage seines Partners nicht beantwortet, häusliche Gewalt verursacht. Das ist selbstverständlich absurd. Diese Absurdität wird allerdings gelesen, weil es auf Wikipedia so steht und hat sich inzwischen weit verbreitet.

Nun wirst Du einwenden wollen, dass es Menschen gibt, die ständig schweigen und ihren Partner damit strafen wollen. Und dann üben sie psychische Gewalt aus, erzeugen also Häusliche Gewalt.

Doch was sagst Du dann einem männlichen Täter, wenn dieser sagt, er hätte sich nur verteidigt, weil seine Frau immer schweigt? Richtig! Gar nichts mehr, denn Verteidigung ist Notwehr….zumindest mit einer abgewogenen Abwehrreaktion.

Soziale Isolation

Wenn ich das lese, dann frage ich mich, wie ein Ehemann seine Ehefrau sozial isolieren vermag ohne körperliche Gewalt oder deren Androhung. Wenn er seiner Frau verbietet, die Freundin zu treffen, wird sie dennoch gehen. Ein verbales Verbot vermag normaler Weise nicht dazu führen, dass wir diesem als Erwachsener folgen. Muss die Ehefrau allerdings Angst haben, dass ihr etwas zustößt oder hat sie bereits Erfahrung mit ihrem schlagenden Ehemann, wird sie sich dies mehr als einmal überlegen. Sollte er damit drohen, sich den gemeinsamen Kindern gegenüber gewalttätig zu verhalten, erzeugt er in dem Moment häusliche Gewalt.

Das bedeutet, dass soziale Isolation unter anderem in Kombination mit Gewaltverhalten durchsetzbar ist.

Abwertung

Dasselbe gilt für Abwertung. In den besten Paarbeziehungen kann es sein, dass der eine Partner den anderen Partner abwertet. Wäre dies Gewaltverhalten, hätte der Betroffene die Möglichkeit, sich in Notwehr tatsächlich gewalttätig zu verhalten, zum Beispiel mit einer Ohrfeige. Damit möchte ich nicht ausschließen, dass es Personen gibt, die ihren Partner regelmäßig abwerten. Nur eines sollte klar sein. Häusliche Gewalt erzeugen sie damit nicht, aber unangenehme Gefühle.

Emotionale Manipulation

Mit diesem Begriffspaar habe ich erhebliche Schwierigkeiten. Gemeint ist wohl gefühlsmäßige Manipulation, also die Manipulation anhand von Gefühlen.

Wahrscheinlich etwas wie:

  • „Dass man Dir aber auch alles 2mal sagen muss….“
  • Wie Du wieder aussiehst….“

Diese Art der Aussagen soll verunsichern, was gelingt, wenn wir dies bereits sind. Häusliche Gewalt erzeugt ein Sender mit solchen Aussagen allerdings nicht.

Einschüchterung

Eine Person einzuschüchtern geht sicherlich mit diversen Verhaltensweisen. Dies kann allerdings beabsichtigt und unbeabsichtigt erfolgen. Laut Duden bedeutet einschüchtern, jemandem Angst zu machen und ihm damit den Mut zu etwas zu nehmen. Ein Mittel ist die Androhung von Gewaltverhalten. Derjenige, der so einschüchtert, erzeugt in der Tat häusliche Gewalt.

Verbote

Im Zusammnehang mit sozialer Isolation wurden bereits Verbote von mir erwähnt. Verbote lassen sich wie bereits gesagt durch Drohung mit Gewaltverhalten oder tatsächlichem Gewaltverhalten durchsetzen. Verbote an sich erzeugen keine Häusliche Gewalt.

Kontrolle und Bespitzelung von Sozialkontakten

Es ist keine Frage, dass dieses Verhalten massiv grenzüberschreitend ist, allerdings in Richtung der betroffenen Sozialkontakte. Es ist auch nachvollziehbar, dass ein solches Verhalten unangenehme Gefühle erzeugen kann.

Häusliche Gewalt erzeugt ein Kontrollierender oder Bespitzelnder allerdings nicht.

Drohungen

Drohungen sind mit einem Straftatbestand verbunden.

Mit Drohungen verbunden mit Gewaltverhalten erzeugen Häusliche Gewalt. Werden Drohungen gegen Kinder in deren Anwesenheit ausgesprochen, erzeugt der Handelnde ebenfalls Gewalt.

Nötigung

Auch die Nötigung ist eine Straftat. Dabei wird meistens die Drohung mit Gewaltverhalten oder die Durchführung von Gewaltverhalten genutzt. Insofern erzeugt ein Nötigender meistens Häusliche Gewalt, wenn er gegen ein Familienmitglied handelt.

Nachstellen(Stalking)

Das Nachstellen ist leider ein Beispiel innerhalb der Gesetzgebung für die Vermischung verschiedener Handlungsweiesen. Das erklärt mir, warum Stalking mit Häuslicher Gewalt gleichgesetzt wird. Denn unter anderem ist in diesem Paragraphen auch die Androhung von Gewaltverhalten gegen den Partner, enge Angehörige oder andere enge Bekannte eingeschlossen.

Das ist gelinde gesagt ungünstig.

Ist Freiheitsberaubung Häusliche Gewalt

Freiheitsberaubung

Kaum jemand läßt sich freiwillig einsperren, es sei denn, ihm wird mit Gewaltverhalten gedroht oder er wurde bereits körperlich verletzt. Ein weiteres Mittel wird sicherlich auch sein, Gewalt gegen die Kinder*, andere Familienmitglieder, Freunde oder enge Bekannte anzudrohen.

Freiheitsberaubung geht also meistens mit Häuslicher Gewalt einher.

Beschimpfung

Auch die Beschimpfung ist strafbar. Sie findet sich im Strafgesetzbuch unter der Handlung Beleidigung.

Überrascht bin ich, weil in diesem Paragraphen die Beleidigung mithilfe einer Tätlichkeit benannt ist. Letztendlich handelt es sich dann um Häusliche Gewalt, verursacht durch Gewaltverhalten.

Bevormundung

Nimand läßt sich gerne bevormunden. Der Duden erläutert die damit einhergenden Handlungen:

wie einen Unmündigen behandeln, in eigenen Angelegenheiten nicht selbst entscheiden lassen

https://www.duden.de/rechtschreibung/bevormunden

Ich kann mir vorstellen, dass Bevormundungen auch mindestens mit Drohungen von Gewaltverhalten einhergehen, also wieder Häusliche Gewalt, in Kombination mit einer anderen Handlung zum Phänomen wird.

Demütigung

Die Demütigung erzeugt laut Duden eine tiefe Kränkung:

tiefe Kränkung, Herabwürdigung

https://www.duden.de/rechtschreibung/Demuetigung

Entsprechend werden Betroffene mit einem starken unangenehmen Gefühl konfrontiert und/oder herabgewürdigt oder abgewertet.

Häusliche Gewalt erzeugen Handelnde damkit allerdings nicht.

Fazit

Es gibt eine weitverbreitete Neigung in unserer Gesellschaft, sämtliche Handlungen und Aussagen, die unangenehme Gefühle verursachen, mit Häuslicher Gewalt gleichzusetzen. Dies gelingt, indem man das Begriffspaar Psychische Gewalt konstruiert.

Tatsächlich sind diverse Handlungen strafrechtlich nicht relevant, obwohl sie extrem unangenehme Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, Angst erzeugen können. Darüber hinaus sorgen viele dieser Verhaltensweisen für extremes Unverständnis bei den Betroffenen. Die Betroffenen können sich das Verhalten ihres Partners nicht erklären. Sie können sich auch nicht erklären, wie dies mit der Aussage zusammengeht, dass der Handelnde sie angeblich liebt.

Auf der anderen Seite gibt es selbst im Strafgesetzbuch gelistete Straftaten, die zwar das eine meinen, aber gleichzeitig Gewaltverhalten oder die Androhung dessen mit einbeziehen.

Dies erklärt teilweise, warum diese, wie zum Beispiel Nachsetzen (Stalking), selbstredend als psychische Gewalt bezeichnet und mit Häuslicher Gewalt gleichgesetzt werden.

Über Michael Ueberschaer

Ich bin Michael Ueberschaer. Ich bin Sozialpädagoge, Gewaltberater und Paarberater. Ich blogge zu den Kernthemen Beziehung und Kommunikation sowie den Unterthemen Bildung, Erziehung, Gesundheit und Häusliche Gewalt. Bis jetzt habe ich 78 Artikel veröffentlicht. Bezüglich der Kernthemen und Unterthemen findest Du Links zu den Leitartikeln in den beiden oberen Menüs.  

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