Vorwürfe – Kommunikation – Analyse Teil 1

Vorwürfe sind für Deine Kommunikation in Eurer Partnerschaft nicht ratsam, so heißt es auf vielen Ratgeberseiten. Das mag durchaus richtig sein. Denn Vorwürfe sind eher dazu geeignet, das Gesprächsklima von vorherein zu ‚vergiften‘.

Ich habe mich bereits kritisch mit dem 4 Ohren Modell beschäftigt. Im Artikel habe ich aufgezeigt, warum der gesellschaftliche Umgang mit dem Modell oft nicht hilfreich ist. Denn das führt auch dazu, dass das Potential des Modells kaum genutzt wird.

Vorwürfe sind im Zusammenhang mit dem 4 Ohren Modell ein Riesenthema. Denn aus meiner Sicht ist es teilweise abenteuerlich, welche Formulierungen heute in die ‚Ecke‘ der Vorwürfe geschoben werden.

In diesem Artikel sehe ich mir deshalb eine handvoll Formulierungen genauer an und überprüfe, ob es sich bei diesen Aussagen wirklich um Vorwürfe handelt.

  • „Wie konntest du mich nur so behandeln“,
  • „Von dir hätte ich das am allerwenigsten erwartet“,
  • „Du hast mich verletzt“ ,
  • „Ich bin schwer enttäuscht von Dir“
  • „Mir wäre das nicht passiert“,
  • „So unfair, wie du dich mir gegenüber verhältst“,
  • „Wenn man sich liebt, dann macht man das nicht …“,
  • „Wenn du mich lieben würdest, hättest du …“,
  • „Na ja, dann mach ich es eben selbst …“,
  • „Ich hatte mich so gefreut, aber wenn es halt nicht geht …“,
  • „Muß das denn sein?“, „Du bringst mich noch ins Grab, wenn du so weitermachst“

Dabei vergebe ich Noten von 1 (sehr gute Nachricht) bis 6 ( schlechte Nachricht). Je besser die Note, desto eher trägt eine Formulierung zu einer gelungenen Kommunikation bei.

Viel Vergnügen!

Zunächst ist einmal zu klären, was überhaupt ein Vorwurf ist.

Was sind Vorwürfe?

Äußerung, mit der jemandem etwas vorgeworfen, jemandes Handeln, Verhalten gerügt wird

https://www.duden.de/rechtschreibung/Vorwurf

Die Antwort des Dudens ist nicht hilfreich, denn in der Erklärung wird das entsprechende Verb benutzt. Wir bleiben also im Unklaren. Also schauen wir, was vorwerfen bedeutet.

Was bedeutet Vorwerfen?

Nicht sämtliche Bedeutungserklärungen passen in den Kontext. Eine der Erklärungen bringt uns allerdings ein wenig weiter:

jemandem sein Verhalten, seine Handlungsweise heftig tadelnd vor Augen führen

https://www.duden.de/rechtschreibung/vorwerfen

Vorwürfe beziehen sich also auf eine Handlung eines Gegenüber. Damit wir diesem seine Handlung vorwerfen, müssen wir diesem seine Handlung vor Augen führen und ihn dabei tadeln.

Was bedeutet Tadeln?

[in scharfer Weise] jemandem sein Missfallen o. Ä. über ihn selbst, sein Verhalten, Tun o. Ä. zum Ausdruck bringen

https://www.duden.de/rechtschreibung/tadeln

Wenn wir jemanden tadeln, drücken wir also unsere Unzufriedenheit mit jemanden selbst, mit seinem Verhalten oder seinen Aussagen aus.

Vorwürfe = Eigene Unzufriedenheit mit jemandem, seinem Verhalten und/oder seinen Aussagen ausdrücken

„Wie konntest du mich nur so behandeln“

Diese Aussage ist vielleicht nicht als solche zu erkennen, doch es handelt sich hier um eine Frage. Die Aussage beginnt mit einem „Wie“. Damit ist die Aussage tatsächlich keine Aussage, sondern eine Frage.

Da eine Frage rein sprachlich keine Aussage ist, beinhaltet sie auch keinen Vorwurf.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich dem Sender zu seiner vorbildhaften Kommunikation gratulieren würde. Denn diese Frage beinhaltet eine Worthülse, die unklar läßt, um welche konkrete Behandlung es geht.

„Wie konntest Du mich hintergehen?“ oder „Wie konntest Du mich belügen?“ wären konkrete Fragen ohne die Worthülse ’so‘ bzw. ’nur so‘.

Doch die Wahl des Hilfsverbs ‚konntest‘ ist wiederum unpräzise, denn das Hilfswerb ‚konntest‘ läßt 2 Bedeutungen ausgehend vom Verb ‚können‘ zu:

  • „Wie ist es Dir technisch gelungen, mich zu hintergehen?“
  • „Wie warst Du mental dazu in der Lage, mich zu hintergehen?“

Du kannst erkennen, dass auch die Formulierung von Fragen seine Fallstricke hat. Darüber hinaus läufst Du mit solchen Fragen Gefahr, keine Antwort zu bekommen; entweder weil der Empfänger die Frage nicht beantworten kann oder nicht will.

Außerdem gibst Du mit einer Frage nicht preis, wie es Dir geht.

Note: 5

„Von dir hätte ich das am allerwenigsten erwartet“

Mit dieser Aussage oder gemäß dem 4 Ohren Modell mit dieser Nachricht berichtet der Sender von sich.

Er sagt, dass er etwas, nämlich ‚das‚, am allerwenigsten erwartet hat. Was er am allerwenigsten erwartet hat, sagt er hingegen nicht. Es handelt sich also zum einen um eine Selbst-Aussage, die sehr sparsam formuliert ist.

Gleichzeitig steckt in der Nachricht eine Beziehungs-Aussage, denn der Sender hat etwas vom Sender (‚Von Dir‘) erwartet, genauer gesagt nicht (am allerwenigsten) erwartet.

Einen direkten Vorwurf kann ich in dieser Aussage (Nachricht) abermals nicht entdecken. Die Art der Formulierungen lädt allerdings heftig zu Spekulationen ein. Das Ergebnis dieser Spekulation kann sein, dass der Empfänger einen Vorwurf wittert.

Nicht nur, dass der Sender nicht formuliert, wie es ihm geht, ist die Nachricht auch noch schwammig und durch die Wahl der Worte ‚am allerwenigsten‘ sehr irritierend.

Note: 6

„Du hast mich verletzt“

Vielleicht ist es Dir schon einmal untergekommen, dass Du-Nachrichten problematisch sein können.

Besser wäre also die Nachricht „Ich bin verletzt“. Denn es ist nicht verboten verletzt zu sein. Lies dazu auch meinen Artikel zum Umgang mit Gefühlen. Wenn der Empfänger erkennen kann, dass der Sender verletzt ist, vermag er vielleicht, darauf einzugehen. Ist der Empfänger jemand, der sich selbst eine Verletztheit nicht zugesteht, wird er wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, dem Sender gegenüber emphatisch zu sein und mit zu fühlen.

Da die die Formulierung ‚Du hast mich verletzt‘ sowohl den Sender (mich) als auch den Empfänger (Du) mit einbezieht, scheint diese Aussage eine Beziehungs-Aussage zu sein. Tatsächlich handelt es sich allerdings um eine Behauptung, eine Feststellung einer nicht bewiesenen ‚Tatsache‘, unter dem Mantel einer Beziehungs-Aussage.

Es ist also kein Wunder, dass eine solche Aussage eine Fülle von unangenehmen Gefühlen auslösen kann bzw. auslöst. Der Empfänger wird mit einer solchen Aussage hinsichtlich seiner Selbstwahrnehmung massiv gefordert. Unter anderem aufgrund der eigenen Überforderung mag ein Empfänger in dieser Aussage einen Vorwurf erkennen.

Note: 6

„Ich bin schwer enttäuscht von Dir“

Hier handelt es sich um eine Beziehungs-Aussage, denn der Sender spricht von sich (Ich bin) in Beziehung zum Empfänger (von Dir).

Um einen Vorwurf handelt es sich bei dieser Aussage nicht, denn es fehlt eindeutig das tadelnde Moment. Allerdings verleiht der Sender seiner Aussage mit dem Wort schwer einen besonderen Nachdruck, der beim Empfänger seine Wirkung erzielen kann.

Es ist keinesfalls einfach, mit einer solchen Beziehungs-Aussage umzugehen. Dies fällt umso schwerer, je höher der Anspruch des Empfängers an sich selbst ist, seine Mitmenschen nicht zu enttäuschen.

Insbesondere in Partnerschaften und Ehen formulieren Partner Ansprüche an sich, denen sie entsprechen wollen, um ein guter Ehemann/Partner oder eine gute Ehefrau/Partnerin zu sein.

Aufgrund des Wortes schwer in der Aussage:

Note: 3

„Mir wäre das nicht passiert“,

Da der Empfänger in der Aussage überhaupt nicht vorkommt, steckt in dieser Aussage kein Vorwurf. Da die Aussage allerdings an den Empfänger gerichtet ist bzw. in Anwesenheit des Empfängers getätigt wird, ist sie höchst problematisch.

Obwohl ich diese Aussage ohne jeglichen Kontext untersuche, ist festzuhalten, dass diese Aussage auf keiner der 4 möglichen Ebenen (Inhalt, Selbst-Aussage, Appell, Beziehungs-Aussage) eine Botschaft enthält.

Denn mit der Aussage stellt der Empfänger lediglich eine These auf, eine Behauptung, die weder bewiesen noch widerlegt werden kann.

Der Empfänger wird also massivst in die Spekulation geschickt, wird aufgefordert, heraus zu bekommen, wie es dem Sender geht, was er eigentlich sagen will.

Note: 6

So unfair, wie du dich mir gegenüber verhältst“

Ohne den entsprechenden Kontext zu kennen, ist es nicht einfach, dieser Aussage eine Note zu verpassen.

Zunächst einmal ist unfair das Gegenteil von fair.

den Regeln des Zusammenlebens entsprechend; anständig, gerecht im Verhalten gegenüber anderen

https://www.duden.de/rechtschreibung/fair

Der Sender behauptet also, dass der Empfänger sich ihm gegenüber nicht anständig bzw. gerecht verhält. Und es handelt sich hier wirklich nur um eine Behauptung, die zu überprüfen wäre.

Diese Nachricht ist ohne Botschaft, denn sie beinhaltet auf allen 4 Ebenen (Selbstoffenbarung, Inhalt, Apell, Beziehung) keine Botschaft.

Der Sender wirft hier nicht wirklich etwas vor, sondern unterstellt unfaires Verhalten. Da bleibt nur:

Note: 6

„Wenn man sich liebt, dann macht man das nicht …“

Sagt wer? Diese Frage drängt sich mir bei dieser Aussage auf. Hier wird eine Norm ‚verbraten‘, die noch lange keinen Wert darstellt. Es handelt sich also noch nicht einmal um eine qualifizierte Inhalts-Aussage, sondern um eine Behauptung, die kaum bewisen noch wederlegt werden kann.

Eine solche Aussage ist für eine Verständigung völlig unbrauchbar. Obwohl ich keinen direkten Vorwurf erkennen kann:

Note: 6

„Wenn du mich lieben würdest, hättest du …“

Für eine Analyse komplettiere ich diese Nachricht exemplarisch.

a)
„Wenn Du mich lieben würdest, hättest Du mich nicht angelogen.“

Das ist eine hypotetische Aussage, davon ausgehend, dass der Empfänger tatsächlich gelogen hat:

  1. Der Sender nimmt an, dass der Empfänger ihn nicht liebt
  2. Der Sender behauptet oder vermutet, der Empfänger würde ihn andernfalls nicht anlügen.

Auf unglücklichere Weise kann ein Sender eine Nachricht ohne Botschaft nicht senden.

b)
„Wenn Du mich lieben würdest, würdest Du Dich mehr um mich kümmern.“

Auch hier formuliert der Sender Annahmen, verpackt in einem Wenn-Satz.

Klare und verständliche Kommunikation geht anders. Auch hier:

Note: 6

„Na ja, dann mach ich es eben selbst …“

Da bei dieser Aussage der Empfänger überhaupt nicht vorkommt, kann nur mit massiver Interpretation aus dieser Aussage ein Vorwurf konstruiert werden. Der Sender formuliert hier lediglich eine Absichtserklärung. Sicher hängt von der Art der Betonung ab, welches Gefühl der Sender eventuell mittransportiert. Auch die beiden Füllwörter Na ja und eben können bei entsprechender betonung das jeweilige mitschwingende Gefühl unterstreichen.

Ein Vorwurf ist diese Aussage dennoch nicht.

Klarer wäre: „Dann mach ich es selbst“. Ist der Sender allerdings noch mit einem Gefühl beschäftigt, zum Beispiel Enttäuschung, wäre er besser beraten, dieses zum Ausdruck zu bringen.

„Ich bin enttäuscht“.

Note: 4

„Ich hatte mich so gefreut, aber wenn es halt nicht geht …“

Der erste Teil der Aussage spricht der Sender über ein Gefühl, welches er in der Vergangenheit hatte. Damit erfährt der Empfänger allerdings nicht, wie es dem Sender jetzt geht.

Der 2. Teil der Aussage beinhaltet überhaupt keine Botschaft. Sämtliche 4 möglichen Ebenen bleiben so leer und der Empfänger muss sehr viel arbeiten, um nicht zu spekulieren.

Obwohl ein Vorwurf hier ebenfalls nicht ransportiert wird:

Note: 5

„Muß das denn sein?“, „Du bringst mich noch ins Grab, wenn du so weitermachst“

Der Sender stellt eine Frage. Das ist grundsätzlich sinnvoll, wenn man denn als Sender tatsächlich eine Antwort erwartet. Da der Sender gleich anschließend eine Behauptung in die Zukunft aufstellt, ist dies eher nicht der Fall.

Die Nachricht des Senders enthält indes keine Botschaft auf einer der 4 Ebenen.

Note: 6

Fazit

Nachrichten werden oft unbegründet als Vorwürfe interpretiert. Klare Nachrichten mit eindeutig identifizierbaren Botschaften auf mindestens einer der 4 möglichen Ebenen Inhalt, Selbstoffenbarung, Appell oder Beziehung sind ganz offensichtlich nicht so leicht zu formulieren.

Je unklarer Sender formulieren desto mehr geraten Empfänger in die Spekulation und wittern Vorwürfe. Doch nur selten halten vermeintliche Vorwürfe einer Überprüfung stand.

Meistens handelt es sich um mangelende Genauigkeit bei der Formulierung von Nachrichten. Mangelnde Klarheit, wenig Zugang zu den eigenen Gefühlen oder Bequemlichkeit können die Ursachen für mangelhafte Kommunikation sein.

Über Michael Ueberschaer

Ich bin Michael Ueberschaer. Ich blogge zu den Kernthemen Beziehung und Kommunikation sowie den Unterthemen Bildung, Erziehung, Gesundheit und Häusliche Gewalt. Bis jetzt habe ich 70 Artikel veröffentlicht. Bezüglich der Kernthemen und Unterthemen findest Du Links zu den Leitartikeln in den beiden oberen Memüs.  

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