Schulschließungen und Lernrückstände und psychische Probleme

Es ist ganz einfach, denn für Lernrückstände und psychische Probleme bei Schülern sind die Schulschließungen die Ursache. So sieht es zumindest die aktuelle Bildungsministerin laut Artikel bei Zeit Online und Spiegel Online. Stark-Watzinger fordert, es dürfe keine Schulschließungen mehr geben.

Im Artikel bei Zeit Online ist dann folgendes zu lesen:

Laut der Bildungsministerin hatten die Schulschließungen zu “gravierenden Nebenwirkungen” wie überdurchschnittliche Gewichtszunahme, psychische Auffälligkeiten, Vereinsamung sowie deutlichen Lernrückständen bei Kindern und Jugendlichen geführt. “Es gibt Studien, die zeigen, dass es etwa im Bereich der Lesekompetenz von Viertklässlern bis zu sechs Monate Rückstand gibt”, sagte Stark-Watzinger. Zudem gehe es um Bildungsgerechtigkeit. So seien junge Menschen, die zu Hause Unterstützung bekämen und gut selbst organisiert lernen könnten, besser durch die Pandemie gekommen als diejenigen ohne diese Voraussetzungen.

https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2022-06/corona-pandemie-bettina-stark-watzinger-bundesbildungsministerin-schulschliessungen-vermeiden

Diese Aussage und die Rückschlüsse, die die Bildungsministerin damit erklären will, schaue ich mir im folgenden an.

Überdurchschnittliche Gewichtszunahme bei Schülern durch Schulschließungen?

Es mutet gleich sehr merkwürdig an, wenn der Artikel als eine der sogenannten Nebenwirkungen der Schulschließungen die ‘überdurchschnittliche Gewichtszunahme’ benennt.

Was passiert denn, wenn Kinder die Schule nicht mehr besuchen können? Die Antwort auf diese Frage kann es nicht geben, denn Familienkonstellationen sind so vielfältig wie die Anzahl dieser.

Eines ist gewiss. Kinder gehen morgens dann eben nicht mehr zur Schule. Das bedeutet, dass der familiäre Alltag, der morgens auch aufgrund des Schulbesuchs mehr oder weniger seinen Lauf nahm, neu strukturiert und vorher geplant werden musste.

Abhängig vom Alter der Schulkinder mussten Eltern zunächst aufgrund ihrer Rolle Lösungen entwickeln. Bei Doppelverdienern oder Eltern, die beide arbeiten, mussten diese entweder gezwungener Maßen (vielleicht auch durch das Homeoffice) zuhause bleiben, sich dabei abwechseln und die Kinder nicht nur versorgen, sondern die Schule mehr oder weniger ersetzen.

Darauf sei später noch tiefer eingegangen.

Hinsichtlich der Ernährung der Kinder gab es gleichfalls unzählige Konstellationen. Es gab Kinder, die vor den Schließungen in der Ganztagsschule nicht nur den ganzen Tag beschäftigt waren, sondern auch eine warme Mahlzeit bekamen. Andere Kinder wurden zuhause mehr oder weniger bekocht. Ältere Kinder (vielleicht auch jüngere Kinder ) wurden hinsichtlich ihrer Ernährung sich selbst überlassen.

Mal abgesehen von den Pausen in der Schule und dem seltenen Sportunterricht ist Bewegung in der Schule kaum angesagt. Die überdurchschnittliche Gewichtszunahme als eine Nebenwirkung der Schulschließungen zu benennen, ist schon sehr gewagt.

Denn Gewicht legen auch Kinder nur dann zu, wenn sie mehr Kalorien zu sich nehmen als sie aufgrund ihres Lebenswandels benötigen.

Was ist überdurchschnittliche Gewichtsabnahme?

Und noch einmal die Frage: Was meint überhaupt überdurchschnittliche Gewichtszunahme.

Haben mehr Kinder zugenommen? Oder haben die Kinder, die vorher schon zugenommen haben, überdurchschnittlich viel mehr zugenommen.

An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass Kinder, die einem Sport in einem Verein nachgegangen waren, gleichzeitig durch Beschlüsse während der Corona Pandemie sich nicht mehr wie gewohnt körperlich beschäftigen konnten.

Sämtliche Familien wurden vor enorme Herausforderungen gestellt. Doch Kinder nehmen nicht an Gewicht zu, weil sie nicht zur Schule gehen können.

Dies hat eher etwas damit zu tun, inwieweit Eltern die Ernährung sowie den Konsum, auch der von digitalen Medien, ihrer Kinder steuern.

Schulschließungen Ursache für psychische Auffälligkeiten oder Probleme?

Die Schulschließungen sind auch nicht die Ursache für psychsiche Probleme oder Auffälligkeiten bei Schulkindern. Wie bereits gesagt wurden Eltern und in vielen Familien dadurch auch die Kinder vor neue Hherausforderungen gestellt. Voll umfängliches Homepffice ist für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nicht möglich, wenn Kleinkinder oder junge Schulkinder zuhause sind.

Den schulpflichtigen Kindern bricht von heute auf morgen nicht nur die Tagesstruktur zusammen, sondern der Kontakt zu ihren Mitschülern bricht ab. Diesen Kontakt können soziale Medien nicht bieten. Die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen und Lehrern vor Ort in der Schule ist nicht ersetzbar; keine Frage.

Doch die entscheidennde Frage ist, was Schule in diesem Moment macht. Und die Antwort ist so einfach wie fatal.

Zwang zur ganztägigen Bildschirmarbeit

Sie, genauer gesagt ihre Aktuere, zwang Kinder und Jugendliche mehr oder weniger in die ganztägige Bildschirmarbeit.

Davon zu sprechen, dass die Schulschließungen an sich die Nebenwirkung Psychische Probleme verursacht haben, ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie wenig Schule und ihre Akteure sich heute noch selbst reflektieren können beziehungsweise dürfen.

Da hält man auf Deubel komm raus den Schulbetrieb aufrecht. Da muss man, also Schüler, Lehrer und Eltern, dem Lehrplan gerecht werden.

Ich verweise in diesem Zusammnehang auch auf meinen Artikel, der sich mit der Situation der Lehrer, die im Artikel keine Beachtung findet, beschäftigt.

Lernrückstände durch Schulschließungen

Eltern waren mehr oder weniger direkt gezwungen bzw. aufgefordert, die Schule zu ersetzen. Das ist selbstverständlich nicht möglich. Doch der Druck im Kessel Bildung war bereits vor der Pandemie hoch und er hat sich durch die Bestandsaufnahme, Kinder hätten Lernrückstände im Lesen, nicht vermindert. Während der Pandemie, die im übrigen immer noch da ist, waren Familien fast ausschließlich nur noch mit Schule beschäftigt.

Doch Quantität in der ‘Lehre’ hat nicht automatisch zur Folge, dass diese qualitativ hochwertig ist.

Vereinsamung durch Schulschließungen

Wie oben bereits erwähnt, Vereinsleben im Sport, waren die Auswirkunkungen auf das soziale Leben auch außerhalb der Schule massiv. Wären Schüler dennoch in der Lage gewesen, sich privat zu Lerngruppen zu treffen, wäre die Vereinsamung (sicherlich) auch in der Argumatation der Bildungsministerin wohl eher kein Thema……oder doch?

Antwort auf Lernrückstände und psychische Probleme durch den Umgang mit Schulschließungen

Wesentlicher Faktor ist für Kinder, wie die Erwachsenen mit den Herausforderungen durch die Schulschließungen umgegangen sind.

  • Haben Eltern den persönlich erlebten Druck an ihre Kinder weiter gegeben?
  • Haben sie den durch die Schule erzeugten Druck von ihren Kindern ferngehalten oder nicht?
  • Haben Kinder diesen Druck vielleicht längst für sich adaptiert und infolgedessen psychische Probleme entwickelt?

Die Schulschließungen haben den Alltag der Kinder, Eltern und Lehrer zweifellos verändert. Doch es war auch davon zu lesen, dass Kinder auch profitiert haben…..

Antwort der Bildungsministerin

Die Reaktion der Bildungsministerin auf die unsäglichen Entwicklungen fällt symptomatisch aus. Sie wirbt für das Corona-Aufholprogramm. Dieses soll für Lernförder-Programme und soziale Projekte da sein.

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man vielleicht darüber lachen. Ich kann es nicht. Desweiteren soll mit einem Programm an 4000 Schulen in Deutschland Geld locker gemacht werden für weitere Sozialarbeiter und eine bessere Infrastruktur.

In der Bildung, im besonderen auch für die ‘Bildung’ in Schulen wird heutzutage nur noch in Programmen und Projekten geplant und gehandelt. Das sind immer irgendwelche Einzelmaßnahmen, deren Umsetzung dann den Schulleitungen und Lehrern überlassen bleibt.

Doch Lehrer sollten eigentlich unterrichten, oder?

Es ist symptomatisch, dass eine weitere Bildungsministerin scheinbar glaubt, mit ihrer Antwort auf die Entwicklungen den Eindruck zu erwecken, dass wirkliche Bildung in Schulen eine Rolle spielen soll und tatsächlich ein Ziel des allgemeinen Tuns ist.

Lernrückstände und psychische Probleme durch Schulschließungen – Verkürzung als Mittel zur Ablenkung

Die Schulschließungen haben gezeigt, wie auf Kante genäht die allgemeine Situation im Bereich Schule ist. Mitmenschen können mit Veränderungen aufgrund unterschiedlichster persönlicher Voraussetzungen nur auf ihre spezielle Weise umgehen. Rahmenbedingungen innerhalb der Herkunftsfamilie und den jeweiligen Arbeitswelten werden schon lange bei der Bildungsdebatte ausgeblendet, obwohl sie existent sind.

Auch das Personal in Schulen ist individuell aufgestellt; und dies nicht nur aufgrund verschiedenen Alters. Auch Lehrer sind unterschiedlich gut oder gesund durch die Phase der Schulschließungen gekommen. Auch Lehrer sollen heute Quantität und keine Qualität mehr bieten, sie sollen nur das begleiten, was sich aufgrund der Rufe nach digitaler Bildung halt so ergibt.

Ich unterstelle der Bildungsministerin keine böse Absicht. Doch die Betonung der Schulschließungen wird den wahren Problemen in der deutschen Bildungslandschaft, im besonderen in Schulen, in keiner Weise gerecht.

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