Als Lehrer nicht mehr in der Schule arbeiten?

Zuletzt aktualisiert am 17. März 2022

Als Lehrer oder Lehrerin nicht mehr an einer Schule arbeiten zu wollen, mag dem ein oder anderen merkwürdig vorkommen. Denn immer noch herrscht die Auffassung in Deutschland vor, dass es sich beim Lehrerberuf um eine entspannte Möglichkeit handelt, den Lebensunterhalt zu sichern.

Die Zeit hat dazu eine Umfrage gestartet. Sie fragt, welche Gründe diejenigen haben, die aufhören möchten.

Für mich, der ich mich damals nach Aufnahme eines Lehramtsstudiums doch nach einigen Semestern gegen den Lehrerberuf entschieden habe und durchwachsene Erinnerungen an meine eigene Schulzeit hat, mutet die Frage nach den Gründen schon etwas merkwürdig an.

Im folgenden Artikel versuche ich eine Zusammenfassung der Gründe, die auf der Hand liegen.

Verwässerung der Tätigkeit als Lehrer in der Schule

Als ich zur Schule ging, hatten Lehrer eine einzige Aufgabe. Sie sollten abhängig von Schulstufe und Unterrichtsfach ihren Schülerinnen und Schülern den jeweiligen Stoff näher bringen. Mit näher bringen war gemeint, im Frontalunterricht über Grammatik, Rechnen, Lesen, Schreiben und im weiteren Verlauf Vokabeln, Kunsttechniken, Instrumente und Musiktheorie, Naturwissenschaften, Sportarten und vieles mehr zu sprechen, Ansätze zu erklären und zu vermitteln.

Dabei ging es auch, und das ist wesentlich, nicht nur darum, Stoff aufzunehmen, sondern diesen auch, wenn dies im jeweiligen Fach Sinn ergab, zu hinterfragen.

Eigenes Denken war nicht nur erlaubt, sondern es war im Unterricht auch Zeit dafür vorhanden. Als Lehrer in der Schule zu arbeiten, bedeutet heute, völlig überfrachtete Lehrpläne abarbeiten zu müssen.

Lernbegleiter anstatt Lehrender

Heute werden Lehrerinnen und Lehrer mehr als Lernbegleiter verstanden, die Kinder beim selbständigen Lernen begleiten sollen. Dabei werden zunehmend auch in Grundschulen digitale Medien eingesetzt und angenommen, dass schon die Grundschüler hierfür die notwendigen Kompetenzen mitbringen.

Schulsozialarbeit beherrscht den Schulalltag

Lehrer sind heute zunehmend gefordert, die Arbeit des Sozialarbeiters zu übernehmen. Daran ändert der Umstand nichts, dass heute jede Schule mindestens einen Sozialarbeiter beschäftigt, meistens über Träger der Sozialarbeit wie das DRK oder die Caritas.

Während früher gewisse Verhaltensweisen Anlass waren, das Jugendamt zu informieren, findet dies heutzutage immer seltener statt. Gewaltverhalten, Mobbing offline und online sind heute derart Teil des Schulalltags, dass alle Beteiligten zunehmend kapitulieren.

Mangelnde Fachlichkeit im Bildungssystem Schule

Durch den Einsatz von Erziehern und Sozialarbeitern/Sozialpädagogen bekommt die Schule heute eine gänzlich andere Ausrichtung. Es geht nicht mehr im wesentlichen um Bildung, sondern um das Abholen von Schülern mit ihren so unterschiedlichen Voraussetzungen.

Es war bereits mehrfach zu lesen, dass viele Kinder die Eingangsvoraussetzungen für die Schule zunehmend nicht mehr mitbringen. Doch wer kommt schon auf die Idee, dies kritisch zu hinterfragen?

Schule soll und muss damit umgehen. Das ist der Tenor im Land der Denker und Dichter.

Die mangelnde Fachlichkeit mündet in eine abnehmende Bedeutung des lehrerberufs als gesellschaftlich relevante Qualifikation. Es reicht heute nicht aus, 4 – 6 Jahre Lehramt zu studieren und dann ein Referendariat zu absolvieren.

Anpassung ist für Lehrer das Gebot der Gegenwart. Nun kann man sagen, dass dies sich für einen verbeamteten Lehrer auch nicht anders geziemt. Wenn man das mal so stehen läßt, bleiben die angestellten Lehrer, die doch eigentlich auf die Barrikaden gehen müßten.

Lehrer, die in der Schule arbeiten, sind immer weniger gefragt, wenn es um die fachliche Ausrichtung von Schule geht.

Produkt Schule und Lehrer als Verkäufer

Schule ist kein Ort der Bildung, geschweige denn der humanistischen Bildung. Schule ist in der modernen Gesellschaft ein Produkt mit Vorteilen und Nachteilen. Da geht es um Standorte, die Zusammensetzung der Schülerschaft, um Angebote und besondere Herangehensweisen.

Veranstaltungen der offenen Tür sind inzwischen obligatorisch vor dem Start eines neuen Schuljahres. Lehrer müssen dann ihre Schule verkaufen. Die Kriterien sind dabei wenig fachlich.

Beamte und Angestellte an der Schule

Ich habe es bereits erwähnt. An Schulen arbeiten Beamte und Angestellte. Während die einen finanziell recht gut versorgt und unkündbar sind, sind die anderen nicht mit Überstünden gesegnet, sondern können leichter den Kugelschreiber fallen lassen und ihre Freizeit genießen.

Es ist ein schräges Konstrukt, dass Lehrer mit derart unterschiedlichen Arbeitsverträgen für die Bildung in Deutschland verantwortlich sind. Verwerfungen innerhalb der Lehrerschaft sind damit eher wahrscheinlich.

Lehrer als Sündenbock für die Probleme von Schule

Lehrer sind heute gesellschsaftlich ganz und gar nicht anerkannt. Sie haben nach Auffassung vieler Mitmenschen einen leichten Job, genießen viel Urlaub und jammern auf hohem Niveau. Da ist es kaum vorstellbar, dass sie unzufrieden sein könnten.

Schreiben Schüler schlechte Noten oder sind sie am Ende des Schuljahres nicht mit einer 1 zu bewerten, sind die Lehrer die Verbrecher und Eltern lassen sich dazu hinreißen, vor’s Gericht zu ziehen.

Versuchen Lehrer eine Lernumgebung zu erreichern, in der das Lernen möglich ist, zum Beispiel durch das Einkassieren von Smartphones, wird ihnen eine Grenzverletzung vorgeworfen, da die Kinder ja erreichbar sein müssen.

Unterrichten kann jeder

Wozu braucht es eigentlich noch Lehrer? Das kann doch jeder. Quereinsteiger jedweder Couleur übernehmen heute die Aufgabe von Menschen, die ansonsten 6 Jahre Studium plus Referendariat hinter sich haben.

Anders gefragt! Wozu sollte man heute noch Lehramt studieren? Als Lehrer kann man in einigen Bundesländern auch ohne diese lästige Angelegenheit als ‚Lehrer‘ arbeiten.

Lehrer sollten aufhören, wenn Sie nicht mehr an einer Schule arbeiten wollen

Vielleicht denkt ihr immer noch, der Lehrerberuf ist ein Traum. Ich bin mir sicher, dass er mehr einem Alptraum gleicht. Die Strategien, mit den Rahmenbedingungen an deutschen Schulen umzugehen, sind sicherlich vielfältig. Diejenigen, die eher dazu neigen, in die Bresche zu springen, laufen im Schulbetrieb Gefahr, sich innerhalb kürzster Zeit aufzureiben. Denn die Anforderungen an die eigene Anpassungsfähigkeit sind für Beamte und Angestellte im Schuldienst enorm.

Viele nehmen sich mehr oder weniger lange Auszeiten, um Luft zu holen, manchmal zur Vorbeugung, manchmal auch, weil es für die Einzelne oder den Einzelnen nicht anders geht.

Seid ihr als Lehrerin oder Lehrer mit der Idee beschäftigt, euren Beruf an den Nagel zu hängen? Wie sind eure Erfahrungen mit der Schule als Lehrer oder Elternteil? Schreibt in die Kommentare!

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