Häusliche Gewalt und Gefühle

In diesem Artikel geht es um Gefühle und was diese mit dem Phänomen Häusliche Gewalt zu tun haben. Dieser Artikel richtet sich ausdrücklich auch an Täter, also an Männer, die ihre Partnerin schlagen.

In der folgenden Infografik findet sich ein Kreis, gefüllt mit Gefühlen. Dabei bietet dieser Kreis nur einen Auszug aus Gefühlen, die wir im Laufe unseres Alltags erleben (können).

Negative und positive Gefühle

Es ist weit verbreitet, und Du wirst kaum eine Ausnahme sein, Gefühle zu bewerten. Leider ist dies weit verbreitet. Mit der Einteilung in negative und positive Gefühle berauben sich viele Mitmenschen mehr oder weniger schwer ihrer Handlungsmöglichkeiten.

Die Einteilung in positive und negative Gefühle bedeutet folgendes:

Negative Gefühle darfst Du nicht haben

Schaue auf die Infografik und schaue, welche Gefühle in der Gesellschaft oder auch von Dir als negativ bewertet werden! Es kann sogar sein, dass Du Gefühle für Dich negativ bewertest, die von der Gesellschaft positiv gesehen werden oder umgekehrt.

Positive Gefühle darfst Du haben

Welche Gefühle aus der Infografik darfst Du haben? Welche hast Du in letzter Zeit gemerkt oder erlebt?

Eines ist klar. Männer bewerten meistens wesentlich mehr Gefühle negativ als Frauen. Und Frauen bewerten Gefühle ebenfalls. Wenn Du Täter bist und damit für Häusliche Gewalt verantwortlich, bleiben Dir ziemlich sicher nur eine handvoll Gefühle, die Du kennst, merkst und erlebst.

Häusliche Gewalt aufgrund dieses Mangels

Der Umgang mit Gefühlen im Zusammenhang mit Phänomenen ist eine große Herausforderung. Unsere Gefühle können wir allerdings nur nutzen, wenn wir sie merken.

Mit allen Gefühlen als Mensch ganz

Obwohl der Kreis nicht alle möglichen Gefühle beinhaltet, stelle Dir vor, dem wäre so. Mit der Möglichkeit, diese Gefühle zu haben und zu leben, bist Du als Mensch ganz bzw. komplett.

Du bist gehandicapt

Kannst Du nur auf einen kleinen Teil dieses Kreises zugreifen, sagen wir auf 10 Gefühle, bist Du nicht ganz.

Die meisten von uns können merken, dass wir müde sind. Irgendwann gehen wir aufgrund dieses Gefühls ins Bett und holen uns eine Mütze Schlaf oder auch 2. Dasselbe gilt, wenn wir merken und sagen können: „Ich habe Hunger.“ Wir schmieren uns eine Stulle, kochen uns Spaghetti oder bemühen ‚ausnahmsweise‘ einen Bringdienst. Wir kommen in eine Handlung.

Handlungsfähigkeit durch ein Gefühl

Gefühle ermöglichen uns oder fordern uns auf, etwas zu tun. Unsere Gefühle geben uns Hinweise darauf, womit wir beschäftigt sind und was oder wen wir im Moment brauchen bzw. gerne an unserer Seite hätten. Ohne Gefühle und deren Wahrnehmung sind wir massiv eingeschränkt und uns gehen Handlungsoptionen verloren.

Wenn Du Täter bist, könnte Dein Kreis so wie der folgende aussehen. Vielleicht ist in Deinem persönlichen Kreis das ein oder andere Gefühl doch vorhanden, vielleicht fehlt dafür ein anderes. In jedem Fall ist Dein Kreis sehr spärlich gefüllt.

Unangenehme und angenehme Gefühle

Für Dich als Täter im besonderen ist ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Gefühlen notwendig. Ich würde mir selbstverständlich wünschen, dass unsere Gesellschaft im Ganzen schon viel weiter wäre; na ja. Dem ist derzeit noch nicht so.

Häusliche Gewalt beenden

Wenn Du Dein Gewaltverhalten, also Deine Häusliche Gewalt beenden möchtest, und davon gehe ich aus, solltest Du daran arbeiten, Gefühle als unangenehm und angenehm zu begreifen. Das heißt, dass wir Gefühle gerne erleben oder eben nicht so gerne. Es bedeutet aber auch, sie als zu uns gehörend anerkennen. Bewerte sie nicht mehr als negativ oder positiv!

Nun gibt es unangenehme Gefühle, die insbesondere Männer und im sehr besonderen Maße Täter mit Schwäche verbinden. Die Folge ist, dass immer dann, wenn sich diese Gefühle einstellen wollen, die eigene Männlichkeit bedroht ist. Viele der Gefühle, die in der ersten Infografik vorhanden sind und in der zweiten nicht, gehören zu diesen unangenehmen Gefühlen.

Ich bin überfordert – Das ist erlaubt

Überfordert zu sein ist unangenehm. Wie gesagt begreife Überforderung als unangenehm und nicht als negativ! Tatsächlich ist so, dass auch Männer überfordert sind und das ständig. Weil die meisten Männer aber sehr früh entscheiden, dass es sich als Mann nicht schickt, überfordert zu sein, sind sie es einfach nicht mehr.

Im Klartext: Männer und vor allem Täter haben verlernt, ihre Überforderung wahrzunehmen. Über gewisse Mechanismen, eigene Überforderung zu beseitigen, schreibe ich in einem späteren Artikel.

Du merkst also nicht, dass Du überfordert bist und hälst das für normal. Als Mann und/oder männlicher Täter kannst Du Dir wahrscheinlich auch nichts anderes vorstellen. Wenn dem so ist, dann hast Du Deine Mechanismen, dieses Gefühl zu beseitigen, bereits derart perfektioniert, dass es sich vermeintlich nicht mehr einstellt.

Gefühle beseitigen durch häusliche Gewalt

Der heftigste und für Opfer furchtbarste Weg ist Häusliche Gewalt; genauer gesagt zu zuschlagen oder zu schubsen oder…oder…! Es kann also sein, dass Du als Täter zuschlägst, um genau dieses Gefühl weg zu bekommen. Ich habe es bereits erwähnt.

Männer und Täter bringen den Verlust von Männlichkeit und das Erleben unangenehmer Gefühle zusammen. Dies so zu entscheiden, war wahrscheinlich zu Kinderzeiten der einzige Weg. Doch nun ist es an der Zeit, darüber nachzudenken. Es ist eine persönliche Entscheidung, ein eigenes Bild vom Mannsein zu haben. Dieses Bild ist starr und läßt kaum Abweichungen zu. Deshalb ist Dein Alltag höchstwahrscheinlich sehr damit gefüllt, dieses Bild aufrecht zu erhalten und das ist extrem anstrengend.

Und Überforderung ist nur eines von vielen Gefühlen, die erlebbar sind, wenn wir uns dies erlauben. Ob wir wollen oder nicht. Auch bei uns Männern stellt sich eine ganze Bandbreite der Gefühle ein. Sie weiterhin aktiv zu beseitigen scheint nur vermeintlich zu nutzen. Denn diese Gefühle bleiben und wollen gelebt werden, drängen an die Oberfläche.

Denke darüber nach! Gefühle wollen gelebt werden; auch die sehr sehr unangenehmen Gefühle.

Fazit

Gefühle sind nicht negativ und auch nicht positiv. Gefühle stellen sich ein und das erleben wir als angenehm oder unangenehm.

Durch die immer noch gängige Bewertung von Gefühlen hindern sich Männer, auch Frauen, flexibel im Kontakt mit Mitmenschen zu agieren. Vielmehr rufen sie ihre erlernten Techniken auf, um ihrem Bild des Mannseins zu entsprechen.

Über Michael Ueberschaer

Ich bin Michael Ueberschaer. Ich blogge zu den Kernthemen Beziehung und Kommunikation sowie den Unterthemen Bildung, Erziehung, Gesundheit und Häusliche Gewalt. Bis jetzt habe ich 70 Artikel veröffentlicht. Bezüglich der Kernthemen und Unterthemen findest Du Links zu den Leitartikeln in den beiden oberen Memüs.  

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