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Häusliche Gewalt beenden - Unangenehme Gefühle

Häusliche Gewalt zu beenden ist schwierig. Denn dafür müssen schlagende Männer ihre Verantwortung übernehmen. Diese übernehmen sie allerdings in den meisten Fällen nicht, weil sie nicht merken, dass sie die Grenzen ihrer Opfer überschreiten.

Grund hierfür ist meistens, dass Täter zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Kurz vor ihrem Gewaltverhalten entpersonalisieren sie ihre Opfer deshalb und schlagen dann zu.

Artikelserie Häusliche Gewalt beenden

Mit diesem Artikel starte ich eine Artikelserie, in der ich darüber schreibe, was zum Beenden von Häuslicher Gewalt notwendig ist. Diese Serie ersetzt allerdings keine Täterarbeit, die von qualifizierten Gewaltberatern durchgeführt werden kann.

Ich möchte diese Serie als Impuls zum Nachdenken für Täter verstanden wissen. Selbstverständlich bietet sie auch Lesern, die nicht zuschlagen, wichtige Erkenntnisse. Im Idealfall trägt diese Artikelserie dazu bei, dass sich Täter Beratung organiseren.

In diesem ersten Teil geht es darum, inwieweit der Umgang mit Gefühlen, die eigene Verantwortungsabgabe und das eigene Männerbild miteinander verzahnt sind.

Gewaltkreislauf – Verantwortungsabgabe – Verantwortungsübernahme

Teil des Gewaltkreislaufs ist, dass Täter ihre Verantwortung an die Opfer abgeben. Und die Opfer übernehmen die Verantwortung der Täter, weil sie Angst haben.

Damit ist die gesamte Tragik des einzelnen Täters und seines Opfers umschrieben.

Ohne Verantwortung folgt Ohnmacht und Hilflosigkeit

Denn nach der Abgabe der eigenen Verantwortung erleben Täter (erneut) Ohnmacht und Hilflosigkeit. Diese Gefühle wollen Täter mit ihrem Gewaltverhalten beseitigen und setzen sich nach ihrem Gewaltverhalten selbst durch ihr Handeln immer wieder diesen Gefühlen aus. In diesem (Gewalt)kreislauf sind Täter also nicht in der Lage, für die Beendigung ihres Gewaltverhaltens Handlungen in Gang zu setzen.

Häusliche Gewalt beenden – Das eigene Männerbild

Richtige Männer indes schlagen ihre Frauen nicht. Männer, die Frauen schlagen, sind keine Männer. Einen Mann zu schlagen ist oftmals in Ordnung, doch die eigene Ehefrau oder Partnerin? Das geht gar nicht!

Natürlich ist es absolut verwerflich, die eigene Partnerin oder Kinder* zu schlagen. Auch andere Männer zu schlagen ist falsch. Doch damit geht nicht einher, dass Täter keine richtigen Männer sind.

Besonders Täter halten aber genau an diesem Bild von sich selbst fest. Aufgrund dieses Bildes werten sie sich selbst ab.

Dieses Verhalten ist in höchstem Maße selbstzerstörerisch. Denn kein Mann, wirklich kein Mann, kann dem Bild, welches Täter für sich als Ideal aufgebaut haben, genügen.

Alles im Griff, Alles unter Kontrolle?

Männer und besonders schlagende Männer glauben, alles im Griff und unter Kontrolle haben zu müssen.
Doch das ist unmöglich. Auch wir Männer sind mehrmals in der Woche überfordert, ratlos, hilflos oder verunsichert.
Verunsichert sind wir Männer besonders im Kontakt mit unseren Ehefrauen und Partnerinnen.

Wenn es nicht erlaubt ist, unangenehme Gefühle zu erleben, wird es schwierig!

Häusliche Gewalt beenden – Gewaltkreislauf unterbrechen

Um Häusliche Gewalt zu beenden, ist es notwendig, dass männliche Täter aus dem Gewaltkreislauf aussteigen. Nichts leichter als das, würde ich gerne sagen. Doch ein Ausbruch aus dem Gewaltkreislauf verlangt, dass Täter sich verändern.

Die Schwierigkeit ist, dass Männer für den Ausstieg aus dem Gewaltkreislauf das beenden müßten, weswegen sie ihre Partnerinnen und/oder Kinder schlagen; nämlich eigene unangenehme Gefühle zu beseitigen.

Sämtliche Handlungen nach einer Gewalttat dienen nämlich lediglich einem Zweck. Täter wollen die sich nach einer Tat einstellenden Gefühle beseitigen. Die größte Chance aus dem Kreislauf auszubrechen, haben Täter nach ihrer allerersten Tat. Denn dann haben sie ihr Handeln innerhalb des Gewaltkreislaufs noch nicht so perfektioniert wie nach z.B. 2 Jahren des regelmäßiegn Zuschlagens.

Erkennen des Unterstützungsbedarf

Doch auch dann ist die Herausforfderung enorm. Denn auch nach der ersten Tat muss ein Ersttäter in der Lage sein, zu erkennen, dass er Unterstützung benötigt. Dazu bedarf es wiederum der Fähigkeit, die eigene Hilflosigkeit und/oder Ratlosigkeit anzuerkennen.

Starres Männerbild

Wie bereits gesagt, ist das eigene Männerbild für Täter im hohen Maße hinderlich bezüglich notwendiger Veränderungen. Je starrer und enger das selbst erstellte Bild von sich selbst ist, desto gefährlicher ist es für einen Täter vermeintlich, entgegen dieses Bildes zu handeln.

Doch woher kommt das Männerbild, dem (nicht nur) Täter entsprechen wollen?

Genau! Täter (und andere Männer) erstellen dieses Bild selbst. Dies machen sie, weil sie in ihrer Kindheit* einem Mangel an Vorbildern ausgesetzt waren.

Im extremsten Fall konnten sie in ihren ersten Lebensjahren gar nicht erleben, wie sich Männer verhalten, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen und ob sie Gefühle überhaupt erleben.

Mannsein als Gegenteil von Weiblichkeit

Das Ergebnis ist dann oft ein Selbstbild von sich als Mann, das alles Weibliche ausschließt. Oft tragen auch Eltern, wenn Väter vorhanden sind, besonders Väter ihren Teil dazu bei.

Jeder kennt Formulierungen wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „Sei kein Weichei!“.

Es ist schwer vorstellbar, dass das eigene Bild vom Mannsein die Lebensgestaltung dahingehend beeinflußt, dass Männer ihre Partnerinnen schlagen. Und genau das ist der Fall.

Wenn Männer, und insbesondere männliche Täter, bestimmte Verhaltensweisen oder Gefühle mit Weiblichkeit verbinden, sind diese für sie selbst tabu.

Häusliche Gewalt beenden heißt Entscheidungen hinterfragen

Häusliche Gewalt beenden - Unangenehme Gefühle und das eigene Männerbild sind miteinander verknüpft.
Unangenehme Gefühle und Männerbild

Das eigene Verhalten ist nicht angeboren. Für Täter bedeutet dies erfreulicher Weise, dass auch sie ihr Verhalten ändern können.

Ein wichtiger Schritt zur Veränderung, und es ist nur einer von mehreren notwendigen Schritten, ist, eigene Entscheidungen zu hinterfragen.

Dabei sind folgende Fragen relevant (Auszug):

  • Wann habe ich welche Entscheidung getroffen?
  • Was darf ich deshalb als Mann und was nicht?
  • Was muss ich vermeintlich tun, damit ich ein ‚richtiger‘ Mann bin?
  • Welche Gefühle darf ich haben?
  • Habe ich mir verboten, bestimme Gefühle zu haben?
  • Welche Gefühle darf ich zeigen?
  • Vermeide ich, gewisse Gefühle zu zeigen?
  • Darf ich mich aggressiv verhalten?
  • Was wird von mir als Mann erwartet (aufgrund meiner eigenen Annahmen)?
  • Bin ich für meine Mitmenschen erkennbar? Wenn nicht, warum?

Fazit

Der Umgang mit eigenen unangenehmen Gefühlen und das eigene Bild vom Mannsein sind miteinander verknüpft. Das macht es so schwierig, Gewaltverhalten, Häusliche Gewalt, zu beenden.

Wichtigste Erkenntnis sollte mit diesem Artikel sein, dass das eigene Männerbild nicht in Stein gemeißelt ist. Es basiert auf Entscheidungen, die Täter (auch Männer, die nicht zuschlagen), in ihrer Kindheit getroffen haben.

Diese Entscheidungen gehören im Erwachsenenalter auf den Prüfstand. Für das Überprüfen der eigenen Entscheidungen ist es notwendig, mutig zu sein und davon auszugehen, dass das eigene Männerbild nicht die eigene Person ausmacht.

Post Author: Michael Ueberschaer

Diplom Sozialpädagoge (Uni)
Gewaltberater (GHM)
Gewaltpädagoge (GHM)

Erfahrungen in der Begleitung von Jugendlichen, psychisch erkrankten Menschen, der Beratung von Tätern und Täterinnen, der Einzelberatung und in der Paarberatung.
Unsere Beziehungsgestaltung zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen beeinflußt unsere Lebensqualität.

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