Kindheit ohne Strafen von Katharina Saalfrank

Zuletzt aktualisiert am 3. Januar 2023

Kindheit ohne Strafen von Katharina Saalfrank ist ein Erziehungsratgeber, der 2017 erschienen ist. Strafen sind als Erziehungsmittel inzwischen mehr oder weniger verpönt. Deshalb ist es wohl folgerichtig, einen Ratgeber zu schreiben, der Eltern Wege aufzeigt, ihre Kinder ohne Strafen bei ihrer Entwicklung zu fördern und zu fordern.

Doch ist Kindheit ohne Strafen tatsächlich ein Erziehungsratgeber, der Eltern unterstützt? In diesem Artikel schaue ich mir das Buch genauer an und ziehe ein Fazit.

Gedankenexperiment als Einführung

Beispiel im Buch

Katharina Saalfrank steigt in ihr Buch Kindheit ohne Strafen mit einem Gedankenexperiment ein. Nachdem sie zunächst eine Konfliktsituation zwischen einem Vater und dem 4 jährigen Sohn, der nicht von der Fensterbank herunter kommen möchte, widergibt, ist wenig später folgendes Beispiel zu finden:

“Jetzt reich’s mir aber”, ruft Lisas Mutter genervt ihrer zwölfjährigen Tochter entgegen. “Ich habe es im Guten versucht, und ich war sehr geduldig! Wir haben x-mal drüber geredet. Und was ist passiert? Nichts! Dein Zimmer ist nicht aufgeräumt und deine Hausaufgaben hast du auch noch nicht gemacht. Es reicht mir jetzt wirklich!”

Das Gesicht der Mutter ist vor Ärger rot angelaufen. Nachdem es den ganzen Nachmittag Streitereien gegeben hatte, platzt ihr nun der Kragen, und sie schreit los: “Das hat jetzt Konsequenzen, mein Fräulein! Du hast dich nicht an unsere Absprachen gehalten, das geht so nicht. dafür darfst du heute Abend kein Fernsehen mehr schauen, und den Besuch am Wochenende bei deinen Freundinnen kannst du auch vergessen.

Kindheit ohne Strafen, Katharina Saalfrank, Seite 7f, 2017

Gedankenexperiment

Das Gedankenexperiment folgt:

Frau (empört). “Was? Du hast nicht aufgeräumt? Das kann doch wohl nicht wahr sein.”
Mann: “Ich hatte noch andere Dinge zu tun und bin noch nicht dazu gekommen.”
Frau (wird lauter): “Wie? Und unsere Buchung für den Urlaub hat du auch noch nicht erledigt?”
Mann: “Das wollte ich noch machen.”


Frau (laut): “Also, jetzt reicht’s wirklich. Ich habe es im Guten versucht, und ich war sehr geduldig. Wir haben x-mal drüber geredet. Und was ist passiert? Nichts! Die Küche ist nicht aufgeräumt, und unser Urlaub ist auch nicht gebucht. Es reicht mir jetzt wirklich.” Frau (schreit jetzt): “Das hat jetzt Konsequenzen, mein lieber Freund! Du hast dich nicht an unsere Absprachen gehalten, das geht so nicht! Dafür darfst du heute Abend das Fußballspiel nicht anschauen, und dein Bier am Wochenende mit deinen Freunden kannst du auch vergessen.”

Kindheit ohne Strafen, Katharina Saalfrank, Seite 8, 2017

Katharina Saalfrank berichtet, dass dieses Beispiel bei ihren Veranstaltungen immer gleich wirkt. Die Zuhörer lachen oder schmunzeln. Schön und gut.

Experiment mit Haken

Doch dieses Gedankenexperiment hat mehrere Haken:

  1. Es stellt Kinder und Erwachsene auf dieselbe Entwicklungsstufe
  2. Es klammert den Kontext bzw. vorherige Erfahrungen der Personen miteinander aus bzw. kommuniziert sie nur schwammig
  3. Es vergleicht das eigene Zimmer aufräumen und Hausaufgaben auf der einen Seite mit Küche aufräumen und Urlaub buchen auf der anderen Seite

Erwachsene und Kinder gleich machen

Es ist gängig in diesen Tagen, Kinder als Erwachsene zu begreifen, die ein Recht auf Gleichwürdigkeit und einen Umgang auf Augenhöhe haben. Dabei geht unter anderem verloren, dass Erwachsene, also Eltern dieses Recht auch haben.

Kontext und Vorlauf hinsichtlich einer konkreten Situation

X-mal drüber zu reden kann alles mögliche bedeuten; 2mal, 3mal oder 10mal. Relevant ist auch die Frage, ob die ‘angeklagten’ Personen, hier die Tochter, dort der Ehemann, vorher schon wenig verlässlich waren.

Das eigene Zimmer vs Küche aufräumen und Hausaufgaben vs Urlaub buchen

Während Zimmer aufräumen und Küche aufräumen noch nahe beieinander liegen, ist dies bei Hausaufgaben machen und Urlaub buchen definitiv nicht der Fall.

Das Experiment entwickelt auch aufgrund seiner Paradoxität seine Wirkung; und dies auch beim Leser.

Kindheit ohne Strafen – Die Kapitelzusammenfassung

1. Warum es sich lohnt, neue Wege zu gehen

Laut Katharina Saalfrank erschweren Machtkämpfe das Familienleben. Eltern können sich bei Kleinkindern zunächst noch selbst beruhigen, mit Schlagwörtern wie Trotzphase oder Autonomiephase.

Im weiteren Verlauf neigen Eltern dazu, in Machtkämpfe mit ihren Töchtern und Söhnen einzutreten. Auch mit der Annahme, dass ihre Kinder diese Machtkämpfe beginnen.

Doch auch in der Erziehung muss es laut Autorin – und dem pflichte ich vollumfänglich bei – um die Gestaltung von Beziehung gehen. Mutter und Vater sollten entsprechend in der Lage sein, mit Kindern mitfühlen zu können und dadurch eine Bindung zu ihrem Sohn oder ihrer Tochter zu etablieren.

2. Wenn Eltern strafen – die Gefühlswelt der Erwachsenen

Erfreulicher Weise richtet die Autorin ihren Blick auch auf die Eltern, die heute einem erheblichen Druck ausgesetzt sind; und dies nicht nur durch Hausaufgaben.

Unter anderem spricht die Autorin folgende Aspekte an.

Eigene Erfahrungen

Laut Autorin ziehen Eltern Strafen als Erziehungsmittel heran, weil sie dies durch ihre eigenen Eltern erfahren haben. Damit ist laut Autorin auch verbunden, dass angeblich viele Eltern Strafen mit dem Elternsein verbinden.

Leistungsgesellschaft

Wir befinden uns in einer Leistungsgesellschaft, die dem eigentlichen Begriff nicht mehr entspricht. Der Druck auf Eltern, ihren Kindern durch Bildung bessere Chancen zu ermöglichen, ist enorm. Darauf weist auch Frau Saalfrank hin.

Hilflosigkeit

Ein weiterer Aspekt auf der Seite der Eltern ist laut Frau Sallfrank, dass Eltern sich hilflos fühlen und damit verbinden, dass ihre Kinder sie nicht ernst nehmen. Um dennoch handlungsfähig zu sein, verhängen Eltern dann Strafen.

Angst und Sorge

Angst und Sorge hinsichtlich der Entwicklung ihrer Kinder ist für viele Eltern angeblich die Hauptantriebsfeder für ihre elterliches Handeln. Angst und Sorge entstehen angeblich auch durch gewisse Bücher, die aus Sicht von Frau Saalfrank zu sehr dramatisieren.

3. Strafen, Konsequenzen, Sanktionen – was dieser Umgang mit Kindern macht

Frau Saalfrank geht auf unterschiedliche Strafen ein. Auf Seite 145 wird ein Paragraph im Bürgerlichen Gesetzbuch aufgeführt, der sich auf Gewalt gegen Kinder bezieht:

§1631, Abs. 2 BGB
Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzuläsig

Kindheit ohne Strafen, Katharina Saalfrank, Seite 145, 2017

Die Autorin beklagt, dass es für viele Eltern kein Problem darstellt, ihre Kinder zu schlagen, denen “die Hand ausrutscht oder der Kragen platzt”.

Gewalt gegen Kinder

Ich muss zugeben, dass der §1631 aus meiner Sicht zu schwammig ist. Er macht nicht deutlich, dass es sich bei Gewalt gegen Kinder um Häusliche Gewalt handelt und sich Eltern, die ihre Kinder schlagen, strafbar machen.

Zeitgemäß spricht die Autorin auch von psychischer Gewalt. Die beschriebenen Verhaltensweisen sind aus meiner Sicht selbstverständlich schädlich für die Entwicklung von Kindern, wenn Eltern ihren Kindern regelmäßig und grundsätzlich mit diesen Verhaltensweisen begegnen.

Im weiteren Verlauf wird ausgeführt, inwieweit körperliche Strafen und schädliches Erziehungsverhalten die Entwicklung von Kindern stören oder beeinträchtigen.

4. Den Kreislauf unterbrechen – einen Aufbruch wagen

Im folgenden spricht sich Frau Saalfrank dafür aus, das eigene Verhalten als Mutter und Vater zu hinterfragen. Sie hält in diesem Kapitel ein ausführliches Plädoyer für eine Erziehung ohne Strafen, damit Kinder eine Kindheit ohne Strafen erleben können.

5. Der neue Weg für Eltern: bindungs- und beziehungsorientiert – eine gute Alternative

Als Alternative zur Erziehung mit Strafen wirbt die Autorin für einen bindungs- und beziehungsorientierten Umgang mit Kindern.

Es ist aus meiner Sicht heute eigentlich kein Geheimnis mehr, dass eine sichere Bindung zu Mutter und Vater für die Entwicklung auch im Hinblick auf die spätere Lebenstüchtigkeit enorm wichtig ist.

Mütter und Väter haben automatisch eine Beziehung mit ihrem Kind. Von welcher Qualität der Kontakt miteinander ist, hängt in den ersten Lebensjahren ausschließlich von der Mutter und dem Vater ab. In zunehmendem Alter kommt den Kindern und Jugendlichen eine eigene Verantwortung zu.

Problematisches im Buch

Aggressionen

Leider differenziert die Autorin auf den Seiten 99ff. nicht ausreichend hinsichtlich Aggressionen und Gewalt. Sie grenzt aggressives Verhalten und Gewaltverhalten nicht klar voneinander ab.

Es muss hingegen klar sein, dass körperliche Übergriffe Gewaltverhalten sind. Wenn sich also der Sohn oder die Tochter körperlich übergriffig verhält, dann müssen Eltern dies altersgemäß problematisieren.

Selbstverständlich darf dies nicht bedeuten, sich als Elternteil selbst körperlich übergriffig zu verhalten.

Überforderung und Stress

Auf Seite 104ff. wendet sich Frau Saalfrank dem Gefühl Überforderung zu. Es wird zwar festgestellt, dass vor allem Mütter und auch Väter unter einem enormen Druck stehen. Dies ist einer sich stetig verändernden Leistungsgesellschaft ohne Zweifel richtig.

Allerdings erzeugt die Autorin ihrerseits Druck durch ihren Ansatz, Mädchen und Jungen eine Kindheit ohne Strafen durch ihre Eltern angedeihen lassen zu wollen. Ob wir es Strafen oder Konsequenzen nennen; die Empfehlung, ständig den Blick auf die Kinder zu richten, kann bei manglender Ausgewogenheit dazu führen, dass Mütter und Väter sich selbst zu wenig in den Fokus nehmen. Eltern laufen damit Gefahr, ihren Kindern mit einem Abziehbild ihrer eigenen Persönlichkeit zu begegnen; wenig förderlich für die gegenseitige Beziehung.

Lob

Auf der Seite 161ff. geht die Autorin auf die Notwendigkeit von Lob ein und verneint dies. Die Ausführungen sind meines Erachtens sehr dogmatisch und Lob wird zu sehr mit einem geplanten Erziehungsverhalten verbunden.

Zur Beziehungsgestaltung mit Kindern gehört meines Erachtens auch, diesen zu zeigen, wenn wir stolz auf sie sind oder uns schlichtweg freuen, wenn sie etwas gut gemacht haben. Grundlegend ist dabei, ob Eltern entsprechende Gefühle merken; dann ist es nicht nur erlaubt dies zu zeigen, sondern auch wichtig für den Kontakt miteinander.

Bedürfnisse

Kinder haben Bedürfnisse. Dies gilt auch für Eltern, also für Mütter und Väter. Auf Seite 201ff. geht die Autoren auf Bedürfnisse ein, die wir alle in unterschiedlichster Form haben.

Es ist die Rede von der Klaviatur der emotionalen Bedürfnisse. Und von Bedürfnisgläsern, die gefüllt sein wollen.

Grundsätzlich ergeben sich die Bedürfnisse von Kindern anhand ihres Alters. Mein Leitfaden mag Orientierung geben. Meines Erachtens geht auch mit dem Buch von Katharina Saalfrank eine übertriebene Ausrichtung auf Kinder einher. Tatsächlich entwickeln sich Kinder mehr oder weniger von selbst, wenn man sie läßt. Gleichzeitig sollten Eltern gemeinsam klar haben, was sie ihren Kindern vermitteln möchten.

Das nennt man Erziehung.

Es ist keinesfalls verboten, Kinder zu etwas aufzufordern, obwohl damit einhergehen kann, dass sich bei ihnen unangenehme Gefühle einstellen. Gefühle und Bedürfnisse korrelieren miteinander. Und unangenehme Gefühle zu erleben, ist Teil unseres Daseins als Menschen.

Wichtig ist, Kindern in der Breite Gefühle zu zugestehen und sie dafür nicht zu tadeln. Väter sind idealer Weise in der Lage, ihre Söhne dabei zu begleiten, auch unangenehme Gefühle merken und ausdrücken zu dürfen. Dies setzt voraus, sich selbst wahrnehmen zu können.

Kindheit ohne Strafen – Fazit

Obwohl das Buch richtiger Weise darauf hinweist, dass Strafen als immerwährendes Erziehungsverhalten schädlich für die Kindheit sind, sehe ich das Buch auch kritisch.

Die Autorin schreibt über Strafen als würden sie grundsätzlich zu irreparablen Schäden bei Kindern führen. Auch Strafen jenseits häuslicher Gewalt verbindet die Autorin grundsätzlich mit schädlichen Auswirkungen für Kinder.

Während Häusliche Gewalt nicht nur strafbar und schädlich ist, gilt dies für andere Strafen nicht ohne weiteres.

Wenn Eltern Strafen als einziges Beziehungsverhalten zu ihren Kindern kennen, dann finden sie auf der einen Seite gute Hinweise zur Verbesserung ihrer Beziehung zu ihren Töchtern und Söhnen.

Auf der anderen Seite kann dieses Buch Eltern zu sehr von sich selbst ablenken, denn es erweckt aus meiner Sicht den Eindruck, dass es immer zunächst um die Kinder und erst dann um die Erwachsenen gehen kann.

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